Geschäftsmodell des Monats April: Digitale Prozesskette im Hausanschluss

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Handskizzen reinzeichnen, Zahlendreher in händisch erfassten Dokumentationen, Übertragen von Daten von einem zum anderen System, wegen Medienbrüchen – Schreckgespenster von Monteuren und Mitarbeitern, die für das Thema „Hausanschluss“ zuständig sind. Einen Ansatz, wie der Prozess effizient durch das Smartphone unterstützt werden kann, liefert syqlo mit der App NAVA.

Was macht das Unternehmen?

Das 2017 gegründete Unternehmen syqlo aus Paderborn hat es sich als Ziel gesetzt, die Vermessung von Hausanschlüssen durch einen Smartphone-gestützten Prozess zu vereinfachen. Mit aktuell 10 Mitarbeitern entwickeln die Paderborner an ihrer App NAVA, die das führende System darstellt. Es ermöglicht Monteuren vor Ort alle vermessungstechnischen Daten mit einem Augmented Reality Ansatz zu erfassen. Eine passende Dokumentation wird parallel im selben System erstellt. Die App wird durch ein webbasiertes Backend unterstützt, das die nachgelagerten Prozessschritte im Themenfeld Hausanschluss (wie bspw. Disposition oder die Erfassung von Bauteilinformationen) unterstützen kann. Durch die Möglichkeit, eigene Vorlagen zu Auftrags- und Materialdokumenten zu erstellen, möchte das Unternehmen Medienbrüche im Kundenprozess vermeiden. Zusätzlich hat syqlo bereits seinen Anteil für erste Schnittstellen zu GIS und ERP Systemen geleistet und zielt somit auf eine einfache Integration in die EVU-Prozesswelt ab.

Die Dokumentation vor Ort auf der Baustelle per Smartphone

Auf welche Zielgruppen zielt dieser Ansatz ab?

Fokus der Lösung liegt auf der Effizienzsteigerung im Hausanschlussprozess. Die primäre Kundengruppe für NAVA sind folglich Netzbetreiber. Die App ist jedoch speziell für die Monteure entwickelt. Anspruch des Unternehmens ist es, Monteure in die Lage zu versetzen, Dokumentationen der „Baustelle“ mit Themenbezug zum Hausanschluss in der Qualität eines Vermessers durchzuführen. Daher zielt der Ansatz auch auf Rohrbauunternehmen ab, die im Rahmen dieses Prozesses häufig als Dienstleister oder Datenzulieferer agieren. NAVA wird von einigen EVU bereits genutzt. Westnetz oder Energienetz Mitte bspw. gehörten zu den Early Adoptern, die bereits lange vor der Markteinführung von NAVA die App und die Prozessunterstützung testen konnten und dem jungen Unternehmen wertvolle Impulse geben konnten.

Welche Vorteile birgt dieser Ansatz für Energieversorger?

Energieversorger stehen heutzutage häufig vor der Herausforderung, den Hausanschlussprozess effizienter und digitaler zu gestalten. Ein Digitalisierungsansatz im Bereich Vermessung auf der Baustelle bringt folgende Vorteile:

  • Einsparungen durch Prozesseffizienz: Die Lösung fungiert als zentrales Datenmedium von Beginn an. Egal ob Subunternehmer, Dienstleister oder eigene Mannschaft – alle liefern Daten und Informationen transparent und nachvollziehbar in denselben Datenraum.
  • Gesteigerte Vermessungsqualität: Der Monteur ist in der Lage, qualitativ hochwertige und nachhaltige Dokumentationen (Qualität wie die eines Vermessers) zu erstellen und diese auch zu beliebigen nachgelagerten Zeitpunkten abzurufen.
  • Umfängliche erfasste Betriebsmittel von Beginn an: Im Hausanschlussprozess wird schon im Regelwerk gefordert, für die Dokumentation den richtigen Zeitpunkt („wenn der Graben offen ist“) zu treffen. Der Monteur ist vor Ort und weiß am besten, was er verbaut hat – durch die App NAVA wird durch ihn eine umfängliche Dokumentation aller Betriebsmittel erstellt und nachhaltig inkl. Fotos dokumentiert.

Den genannten Vorteilen stehen Nutzungskosten im Rahmen eines Software as a Services- (SaaS) Modells entgegen. So kann die Lösung in einer Basisvariante bereits ab maximal 25 € je Mehrsparten-Netzanschluss genutzt werden (bei einer Staffel von 50 Aufträgen pro Jahr).

Prozessuale Unterstützung im Backend

Wer sind die Wettbewerber?

In diesem thematischen Bereich bzw. mit dem Technologieansatz der Augmented Reality positionieren sich seit gut einem Jahr stetig mehr Unternehmen. Sowohl EVU-eigene Lösungen entstehen, als auch andere Start-Ups wie bspw. Tablano fokussieren einen ähnlichen Ansatz. Laut eigenen Aussagen ist syqlo in Deutschland ein sog. First Mover und kann somit bereits eine umfängliche funktionierende Lösung als Produkt zur Verfügung stellen, die konfigurierbar auf die individuellen Anforderungen von EVU ist. Anders als bei Wettbewerbern konzentriert sich NAVA neben der Augmented Reality auf eine umfängliche Prozessunterstützung (Auftragssteuerung, Datenerfassung, API für Schnittstellen, …) und spezialisiert sich nicht nur auf digitalisierte Aufnahmen in der Vermessung.

Was sind die Herausforderungen?

Für den Hausanschlussprozess gibt es Regelwerke (FNN/VDE VDE-AR-N-4201, DVGW GW 120 (A), …), die recht detailliert angeben, welche Verfahren zur Einmessung angewendet werden können. Die Vermessung mit dem Smartphone ist dort noch nicht explizit genannt, jedoch steht das Unternehmen syqlo auch diesbezüglich mit den Verbänden in Kontakt. In vielen Vergleichsmessungen von Fachleuten konnte NAVA bereits die vom Regelwerk geforderten Qualitätskriterien erfüllen – noch in diesem Jahr soll zum Thema Qualität eine weitere Studie durchgeführt werden. Laut den Gründern sollten trotz dieses Umstandes bereits heute viele Netzbetreiber und Rohrbauunternehmen mit NAVA eine direkte Verbesserung beispielsweise hinsichtlich der Vollständigkeit der Datenaufnahme haben, denn dem Smartphone stehen im Status Quo häufig Prozessfehler, wie falsch gehaltene Maßbänder, unvollständige Einmessungen und Zahlendreher entgegen – Hindernisse, die durch den AR-Ansatz und die Fotodokumentation im Hintergrund zukünftig der Vergangenheit angehören.

Einschätzung Energiewerkbank

EVU haben häufig ähnliche Hausanschlussprozesse, jedoch sind die detaillierten Vorgänge unternehmensspezifisch individuell. Cloud- und App-gestützte Prozesse können hier deutliche Vorteile bringen, allerdings nur dann, wenn es gelingt die eigenen unternehmensspezifischen Prozessabläufe auch zu bedienen. Durch digitale Werkzeuge können Netzbetreiber im Hausanschlussprozess früh im Kundenprozess Wettbewerbsvorteile erzielen – bspw. Durch ein frühes Platzieren der eigenen Produkte. Wir sind der Meinung, dass ein effizienter und qualitativ hochwertiger Hausanschlussprozess für EVU eine Art Aushängeschild darstellt und er, bedingt durch eine hohe Standardisierung, ein hohes Digitalisierungspotential besitzt.

Adam Wolf
Innovationsmanager bei der K.LAB
Energie-Ingenieur mit Querdenker-Mind-Set. Experte für Design Thinking, Customer Experience und Geschäftsmodellentwicklung.

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