Geschäftsmodell des Monats Februar: Orcan Energy

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Die Potenziale ungenutzter Industrie-Abwärme werden zur Erzeugung von netzkompatiblen Strom genutzt. Möglich ist dies durch die ORC-Technologie kompakt verbaut in ihrem Produkt, dem „efficiency Pack“. Anders als beim herkömmlichen Clausis-Rankine Prozess kann Wärme bei deutlich niedrigeren Temperaturen (bereits bei unter 100 Grad Celsius möglich) verstromt werden. Das Münchner Start-Up bietet standardisierte Systeme in verschiedenen skalierbaren Leistungsgrößen zwischen 10 bis mehr als 100 kW­­­el an und kann damit Wärmemengen von bis zu 500kW verwerten. Daneben hat das Unternehmen eine Systemkomplettlösung zur Wärme- und Stromerzeugung in Form eines Containers im Portfolio, bestehend aus einem BHKW und der ORC-Einheit.

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Was sagt das Energiewerkbank Innovationsbarometer?

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Wer sind die Zielgruppen?

Das Start-Up fokussiert primär den B2B-Markt. Kunden des Unternehmens kommen aus den folgenden Bereichen:

  • Industrie (z.B. Glas- und Keramik)
  • Marine (z.B. Binnenschiffe und Fähren)
  • Power (z.B. Biogas und Motorenkraftwerke)

Das Unternehmen bietet sowohl Plug’n’Play-Systeme für bspw. Industrieabwärme als auch maßgeschneiderte Lösungen (z.B. für die Abwärmenutzung von Abgasen von Schiffen) an. Insgesamt wurden mehr als 70 Anlagen verkauft. Die Kunden kommen dabei aus neun europäischen Ländern z.B. aus Italien, Großbritannien, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz. Das Start-Up selbst berechnet das Potential auf über 1 Mio. Anlagen weltweit.

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Was ist die Vision?

„Erzeugen Sie selbst CO² freien Strom – günstig.“ Durch das Nutzen von Abwärme wird energieeffizient und nachhaltig Strom erzeugt. Gleichzeitig fokussiert das Start-Up durch die kompakten Anlagen Maßnahmen in der Effizienzsteigerung der Systeme der Kunden, die nach ISO 50001 zertifizierbar und förderbar gemäß KfW sind. Mit dem Ziel der Nutzerfreundlichkeit wurde ein Komplettangebot geschaffen, um die gesamte Kette von der Aufdeckung der Potentiale, über die Installation der Anlage bis zur regelmäßigen Wartung abzudecken. Die Anlagen sind autark konzipiert, flexibel einsetzbar (Teillastfähigkeit im ORC-Prozess) und im Betrieb wartungsarm. Die Investitionskosten je Anlage sind größenabhängig und bewegen sich im Bereich zwischen 2.000 € und 3.000 € je kW­­­el. Bei hoher Auslastung sind so Amortisationszeiten zwischen 2 und 4 Jahren möglich. Das Unternehmen bietet unterschiedliche Erwerbsmodelle an (Kauf, Pacht und Contracting), um damit den finanziellen Bedürfnissen seiner Kunden zu begegnen.

Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

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Impulse zum Geschäftsmodell von ORCan Energy in Form des Business Model Canvas

In welchem Stadium befindet sich das Geschäftsmodell?

Entwickelt aus einem Forschungsprojekt der TU München wurde das Unternehmen im Jahr 2008 gegründet. Zu diesem Zeitpunkt war das junge Unternehmen ein Pionier in der deutschen Start-Up-Bewegung. Gefördert durch das EXIST-Förderprogramm des BMWi konnte sich das Unternehmen nach Markteintritt schnell entwickeln. Aktuell befindet sich das innovative Unternehmen mit mehr als 60 Mitarbeitern in der Expansionsphase und treibt die Internationalisierung voran.  Unterstützt durch die Partner AirLiquide und E.ON kann die Anlagenflotte heute mehr als 600.000 Betriebsstunden Laufleistung vorweisen.

Welches sind die Erfahrungen aus 5 Jahren am Markt?

Das Unternehmen hat in den letzten 5 Jahren viel von den sich ändernden Anforderungen seiner Kunden gelernt. So hat es einen zyklischen Kundenfeedback-Prozess etabliert, mit dem das Start-Up neue Bedürfnisse identifiziert und ihr Angebot stetig weiterentwickelt. Auffällig ist dabei der Kundenwunsch einer „one-face-to-the-customer“ Lösung – insbesondere bei der Projektumsetzung. Zusätzlich berichtet das Unternehmen, dass ein hoher Grad an Standardisierung des Produktes oft ausschlaggebend für die Kaufentscheidungen ist. Schließlich zeigen die letzten Jahre, dass Kunden ihr eigenes Risiko minimieren möchten und so wenig Kapital wie möglich mit den Effizienzmaßnahmen binden wollen. Diesen Bedürfnissen begegnet das Start-Up seit einiger Zeit mit Contracting-Modellen, die sich einer zunehmenden Akzeptanz am Markt erfreuen.

Wer sind die Wettbewerber?

Die größten Wettbewerber in der Branche sind Turboden (Italien) und Climeon (Schweden). Diese operieren allerdings beide in höheren Leistungsklassen.

Konkurrenztechnologien sind Wärmespeicher, thermoelektrische Generatoren und Kalina-Anlagen. Wärmespeicher können alternativ auch mit der ORC-Technologie kombiniert werden und ermöglichen dadurch eine noch effizientere Verstromung der Abwärme. Letzteren beiden Technologien fehlt nach wie vor die Marktreife, weswegen sich der Anwendungsbereich auf Pilotanlagen beschränkt.

Welchen Nutzen bietet eine Kooperation? Was sind spezifische Anwendungsfälle?

Das Start-Up bietet seine Produkte als White-Label-Lösung an. Auch an Vertriebspartnerschaften wird Interesse bekundet. EVUs könnten so ihr Produktportfolio für Industriekunden aufstocken und diese bei der dezentralen Erzeugung von Energie unterstützen. Konkrete Anwendungsfälle sind dabei:

  • Öfen in der Keramik-, Stahl- und Glasindustrie
  • Prozesswärme in der Automobilindustrie, Beschichtungstechnik und Holzverarbeitung, Brauindustrie und Baustoffherstellung, in Gießereien
  • Thermische Nachverbrennungsanlagen
  • Abwärme in Abgasen, Abluft, Abdampf oder Prozesswasser

Stromgestehungskosten in einer ähnlichen Größenordnung wie die von Groß-Kraftwerken (3ct/kWh gerechnet über 15 Jahre) ermöglichen eine günstige, planbare (anders als bei Erneuerbaren Energien) und damit netzverträgliche Erzeugung von Strom. Für EVUs, die bereits Projekte aus dem Bereich der Energieeffizienz planen und umsetzen, können Anlagen von ORCan Energy einen zusätzlichen Baustein darstellen.

Zusätzlich bietet die ORC-Technologie einen Anreiz die Stromerzeugung aus Biogas-BHKWs zu erhöhen und z.B. im Fall von Geothermie erst zu ermöglichen. ORCan Energy kann für EVUs als Technologie- und Know-How-Partner agieren und somit Projekte umsetzen, die in einer besser planbaren erneuerbaren Erzeugung von Strom resultieren.

Was sind die Herausforderungen?

Technologieprodukte stehen häufig vor Herausforderungen in Bezug auf die Akzeptanz. Speziell prozesstechnische Innovationen wie die ORC-Technologie werden mit fehlender Technologiereife beim Kunden assoziiert. Belastet durch die Sorgen der Kunden, sie müssten die eigenen industriellen Prozesse ändern, gilt es für ORCan Energy Überzeugungsarbeit zu leisten. Eine zentrale Herausforderung für das Start-Up sind in Deutschland die geringen Strompreise für die energieintensive Branche. Diese bewirken eine Amortisationszeit von 3-4 Jahren für einzelne Anlagen – ein Zeitraum, der für einige Kunden als zu lange empfunden wird. Schließlich steht das Unternehmen laut eigenen Angaben im Spannungsfeld zwischen einer möglichst hohen Standardisierung ihrer Produkte und der fehlenden Einheitlichkeit der Technologien im Kundensegment, bedingt durch die unterschiedlichen Abwärmequellen und die Vielfalt an Prozessvariationen.

Einschätzung K.GROUP / K.LAB:

Wir finden, das Geschäftsmodell in Verbindung mit der Technologie ist eine spannende Lösung mit Potential. Insbesondere, wenn es gelingt, die Wahrnehmung und Sicherbarkeit am Markt, ggf. mit Vertriebspartnern zu erhöhen sowie das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und den unkomplizierten Betrieb zu stärken.

 

Autoren: Nicolas Gehring / Adam Wolf

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